FG Kirchenmusik
Internationale Kirchenmusik und ihre Verbindungen zum mitteleuropäischen Raum
Part 1
Thursday, 4th November 2010
9.00 am - 5.00 pm
Pontificio Istituto di Musica Sacra, Sala Refice
Program
09.00 Verbindungslinien kirchenmusikalischen Schaffens zwischen Italien und
»Germanien« vom (späten) 16. bis zum 18. Jahrhundert
Friedrich Wilhelm Riedel (Mainz)
09.30 Die kirchenmusikalischen Bezüge der Gemeinschaftsbegriffe »Itali*« und
»Germani*« im lateinischen Musikschrifttum des 16. Jahrhunderts
Gunnar Wiegand (Giessen)
10.00 Italien in Tirol? Zur Musica sacra an den Höfen zu Innsbruck und Brixen im
17. Jahrhundert
Hildegard Herrmann-Schneider (Innsbruck)
10.30 Coffee break
11.00 Zwischen Theater und Frömmigkeit. Psalmforschungsprojekt zum 17. und
18. Jahrhundert, Venedig/Venezien
Helen Geyer / Birgit Wertenson (Weimar)
11.30 Marianische Antiphonen an den venezianischen Ospedali des 18.
Jahrhunderts
Alan Dergal Rautenberg (Weimar)
12.00 Lunch break
14.00 Norditalienische Choraldrucke und ihre Rezeption im heutigen Österreich
Franz Karl Prassl (Graz)
14.30 Zur Rezeption des römischen Kirchenmusikstils im barocken München
Siegfried Gmeinwieser (Regensburg)
15.00 Die Benediktinerabtei St. Ulrich und Afra in Augsburg - ein Beispiel der
Pflege italienischer Musik in Süddeutschland
Tobias Rimek (Leipzig)
15.30 Coffee break
16.00 Gibt es eine Dresdner Palestrina-Tradition?
Gerhard Poppe (Dresden/Koblenz)
16.30 The influences of Italian church music in Mikolay Zieleński's (16th/17th
century) and Grzegorz Gerwazy Gorczycki's (1665-1734) creativity
Ewa Nidecka (Rzeszow)
Part 2
Friday, 5th November 2010
9.00 am - 5.00 pm
Pontificio Istituto di Musica Sacra, Sala Refice
Program
09.00 Die Neapolitanische Schule und ihre Werke im Kloster Jasna Góra in
Tschenstochau
Remigiusz Pospiech (Oppeln)
09.30 Rezeption von G.P. da Palestrina in Schlesien in der zweiten Hälfte des 19.
und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Bestandsaufnahme
Peter Tarlinski (Oppeln)
10.00 Der Weg der italienischen Kirchenmusik nach Osten. Von Italien über
Bortnianski nach Galizien
Luba Kyyanowska (Lemberg)
10.30 Coffee break
11.00 Einflüsse der italienischen Kirchenmusik auf das Schaffen der
»peremyschlischen Schule«
Olga Popowicz (Rzeszow)
11.30 Torcellans Missa Sancti Gerardi (1901). Die kirchenmusikalischen
Beziehungen zwischen dem Banat und Italien
Franz Metz (München)
12.00 Lunch break
14.00 Italienische Kirchenmusik im 19. Jahrhundert in Leipzig
Helmut Loos (Leipzig)
14.30 Fachgruppensitzung
Abstracts
Friedrich Wilhelm Riedel (Mainz): Verbindungslinien kirchenmusikalischen Schaffens zwischen Italien und »Germanien« vom (späten) 16. zum 18. Jahrhundert
In Mitteleuropa, genau genommen in den Territorien des Heiligen Römischen Reiches »durch Germanien«, wie es damals offiziell lautete, wirkten sich die Beschlüsse des Konzils von Trient und die daraus resultierenden Reformen hinsichtlich Erziehung, Studien, Liturgie und Kirchenmusik in den Bistümern und bei den kirchlichen Orden erst seit dem Ende des 30jährigen Krieges aus. Die Verbindungen verschiedener Art zwischen Italien und Germanien kamen in vielfältiger Weise zum Ausdruck, die durch die Napoleonischen Kriege zu ein abruptes oder allmähliches Ende fanden beziehungsweise in andere Kanäle geleitet wurden. - Das Referat wird gegliedert nach sieben Gesichtspunkten, die jeweils anhand spezieller Beispiele demonstriert werden sollen:
1. Wallfahrten, Karnevalstouren und Studienreisen hochfürstlicher Persönlichkeiten (Kaiser Ferdinand II und Karl VII., Gustav III. v. Schweden)
2. Generalkapitel und Statuten von Kanonikerstiften, handschriftliche Überlieferung in Stiften mit stabilitas loci (Augustinerchorherren, Prämonstratenser, Benediktiner, Zistzerzienser etc.)
3. Produktive Tätigkeiten in Orden ohne stabilitas loc: Mendikanten (Franziskaner, Minoiriten, Karmeliter): Verbreitung bis nach Polen)
4. Pädagogische Tätigkeit: Jesuiten (Universitäten, Gymnasien bis in nördliche Regionen, Einfluss des Collegium Germanicum)
5. Musikdruck und Musikalienhandel von Venedig und Rom nach Augsburg oder München
6. Studienreisen von Musikern oder Literaten (Schütz, Buchner, Fux, Händel, Mozart, Sterkel, Kraus, Goethe, Heinse etc.
7. Anstellung italienischer Musiker und Komponisten an geistlichen und weltlichen Residenzen (München (Steffani, Bernabei, Torri), Wien (Caldara, Salieir), Dresden (Bontempi, Lotti), Stuttgart (Jommelli), Augsburg-Koblenz (Sales) etc. NB. Stockholm (Uttini)!
Die Beschränkung dieser Verbindungen oder ihr gänzliches Versiegen wurden hervorgerufen durch die Aufhebung zahlreicher Klöster wie auch durch die Mediatisierung vieler weltlicher Herrschaften aufgrund des Wiener Kongresses, nicht zuletzt aber durch den in den Befreiungskriegen entwickelten Nationalstolz der Deutschen und die damit verbundene Antipathie gegen alles Italienische.
Gunnar Wiegand (Giessen): Die kirchenmusikalischen Bezüge der Gemeinschaftsbegriffe »Itali*« und »Germani*« im lateinischen Musikschrifttum des 16. Jahrhunderts
Weder Italien, noch Mitteleuropa waren in der frühen Neuzeit Begriffe eindeutig-definierter politischer Territorien. Die Territorien südlich der Alpen waren durch unterschiedlichste politische Konstellationen geprägt: weite Teile gehörten zum Heiligen Römischen Reich, andere Gebiete zum Kirchenstaat oder weiteren politischen Einheiten. Noch schwieriger gestaltet sich die Frage nach dem mitteleuropäischen Raum und den nordalpinen Territorien des Imperiums. Eine differenzierte, grundlegende Betrachtung der politischen und geographischen Gemeinschaftsbegriffe erschien mir von daher notwendig, um dem Rahmen des Symposiums ein differenziert-begriffliches Fundament zu verleihen.
Die aufgeworfenen Grundsatzfragen seien – auf Grund der zeitlichen Begrenzung des Vortrags – in dreifacher Hinsicht auf das Thema des Symposiums hin eingeschränkt: im Zentrum stehen erstens die Gemeinschaftsbegrifflichkeiten *Ital und *Europ, sowie naheliegende Begriffe wie *German, *Theuton, *Slav, *Roma, *Tusc, *Lombard, etc. Zweitens sollen ausschließlich die Lesarten ausgewählter Werke im lateinischen Musikschrifttum des 14. bis 16. Jahrhunderts untersucht werden (Beldomandi, Boen, Gaffurius, Legrense, Salinas, u.a). Dieser spezielle Corpus des Musikschrifttums wird dann mit anderen historischen Quellen in Bezug gesetzt. Drittens soll der Versuch unternommen werden, aus der Bezugnahme des Musikschrifttums auf Gemeinschaftsbegriffe, Kenntnisse der jeweiligen Kirchenmusik zu gewinnen.
Hildegard Herrmann-Schneider (Innsbruck): Italy in Tyrol? Thoughts about Musica sacra at the courts of Innsbruck and Bressanone in the 17th century
In 1626 the Tyrolean prince, Archduke Leopold V (1586-1632, reigned from 1619), married the Florentine princess Claudia de’Medici (1604-1648). It is not surprising that Italian flair set in at the Court of Innsbruck, and that here, culture and especially music was awarded great significance. The Innsbruck Court music director (Hofkapellmeister) Johann Stadlmayr (c. 1575-1648), in office since 1607, already tread the path laid in Italy for instrumental accompaniment in church music to take on a life of its own compared to the hitherto customary colla parte in his Missae 12 vocum cum triplici basso ad organum published in Vienna in 1616. In his Missae Concertatae, published in Innsbruck in 1631, the new style of monody and magnificent, polychoral concertizing church music completely came into its own. Stadlmayr further sustainably developed the Missa concertata outside of Italy. His successor, Ambrosius Reiner (1604-1672), ultimately surpassed the idea of the Missa concertata in his Missae quinque vocum, published in Innsbruck in 1655, when he placed vocal solos, chorus and instruments on completely equal footing.
As is generally known, Ludovico Viadana (ca.1560-1627) set new standards in church music with his Cento concerti ecclesiastici op 12, composed in Venice in 1602. Among the first composers ever to take up these intentions was the young Court and Cathedral Music director (Kapellmeister) Christoph Sätzl (1592-1655) from the Prince Archbishop Court of Bressanone (South Tyrol): He presented his debut collection of motets Ecclesiastici concentus in Innsbruck in 1621. In it the Italian influence is clearly demonstrated.
Thus, soon after in the Tyrol, the already accomplished change in musical style in Italy around 1600 was also manifest; with its own production of church music representative in an international context.
Helen Geyer / Birgit Wertenson (Weimer): Zwischen Theater und Frömmigkeit. Psalmforschungsprojekt zum 17. und 18. Jahrhundert, Venedig/Venezien
Die Erforschung der Psalmproduktion des 17. und 18. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt eines von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderten Forschungsprojektes, welches hier vorgestellt wird. An den venezianischen Frauenkonservatorien wurden spannende Experimente der Psalmvertonungen entwickelt, die sowohl allen Aspekten stilistischer Modernität, aber auch dem Bedürfnis einer theatralischen Darstellung nachzukommen hatten. In einer teilweise singulären Raumarchitektur entwickelten sich Modelle der Dramatisierung, aber auch einer ganzheitlichen und theologisch hochinteressanten Interpretation des Psalmtextes, die zweifelsohne Schule machte. Anhand einiger Beispiele werden das Projekt und charakteristische Phänomene aufgezeigt.
Alan Dergal Rautenberg (Weimar): Marian antiphon-settings at the Venetian Ospedali of the 18th century
Within the realms of Italian sacred music, the Marian antiphon was fairly extended during the 18th century. It was principally cultivated at the four Venetian ospedali grandi, where it became, together with the solo-motet, one of the most popular genres of the time.
Both forms are closely related and were often considered as equivalents. However, because of their different liturgical functions and specific features, they still can be clearly distinguished from each other. Despite of their relatively fixed and distinctive characteristics, both genres are exposed to the musical developments of their time and take part in the stylistic change. To some extent they operate as an experimentation field of small and large, as well as harmonic structures, and prepare the way to larger church works, like psalm-settings and oratorios. New paths are also explored on the basis of varying instrumentation and voice conduction.
A careful sight into the inventory of the Ospedale della Pietà (but considering further works of the other ospedali, too) shall help us determine the typical characteristics of the Marian antiphons and their development during the 18th century. Works by Vivaldi, Porpora, Bernasconi, Latilla, Sarti, Traetta and Furlanetto constitute the centre of analysis.
Tobias Rimek (Leipzig): Die Benediktinerabtei St. Ulrich und Afra in Augsburg - ein Beispiel der Pflege italienischer Musik in Süddeutschland
Die Benediktinerabtei St. Ulrich und Afra zu Augsburg zählt zu den bedeutendsten Zentren der Musikpflege im süddeutschen Raum zwischen 1560 und 1630. Bedingt wurde diese hohe kulturelle Stellung des Klosters nicht nur durch seinen prominenten Standort in der Stadt der Reichstage, sondern auch durch seine enge Verbindung zu der Kaufmannsfamilie Fugger, die sich in St. Ulrich und Afra sowohl trauen als auch beerdigen ließen, und nicht zuletzt durch seine guten Beziehungen zu Orlando di Lasso. Das heute nachweisbare mehrstimmige Repertoire der Abtei umfasst über 30 Chorbücher und ca. 6 Stimmbuchsätze. Deren Inhalt bilden Messordinarien, – proprien, Totenmessen, Vesper– und Hymnenvertonungen sowie Motetten für unterschiedliche liturgische oder paraliturgische Anlässe. Der Großteil der Komponisten, abgesehen z.B. von Lasso oder Palestrina stammt aus Norditalien. Insbesondere ragen hier Gianmatteo Asola, Chamaterò di Negri, Giovanni Corce und Pietro Lappi hervor, Komponisten, die heute in der Musikforschung kaum noch wahrgenommen werden. Gemeinsam ist diesen ein den Vorstellungen des Tridentinums adäquater Kompositionsstil. St. Ulrich und Afra gibt also ein gutes Beispiel ab für den intensiven interkulturellen (wenn auch einseitigen, denn nur von Süd nach Nord) Austausch zwischen Italien und Süddeutschland. Innerhalb von kurzer Zeit gelangte die damals neueste Musik über die Alpen nach Augsburg. Das starke Interesse an den transalpinen Kompositionen ist zugleich als Reaktion auf das Konzil von Trient zu sehen, dessen Beschlüsse auch jenseits der Alpen begannen Fuß zu fassen. Dadurch wird auch deutlich, weshalb die heute eher geringgeschätzten Komponisten eine damals so starke Resonanz hervorzurufen vermochten.
Gerhard Poppe (Dresden/Koblenz): Gibt es eine Dresdner Palestrina-Tradition?
»Palestrina« und »Dresden« sind in der europäischen Musikgeschichte Namen, die auf den ersten Blick wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben. Ein über erste Eindrücke hinausreichender Blick in die Quellen zeigt aber, daß einige Werke von Palestrina sowohl in der protestantischen Hofkirchenmusik des 17. Jahrhunderts als auch später – nach dem Konfessionswechsel Augusts des Starken und seines Sohnes – in den katholischen Hofgottesdiensten mit großer Selbstverständlichkeit Verwendung fanden. Diese Praxis reichte bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus und war zu keiner Zeit Ausdruck restaurativer Tendenzen, sondern orientierte sich hinsichtlich der Auswahl der Werke primär an den liturgischen und zeremoniellen Anforderungen.
Ewa Nidecka (Rzeszow): The influences of Italian church music in Mikolay Zieleński's (16th/17th century) and Grzegorz Gerwazy Gorczycki's (1665-1734) creativity
M. Zieleński is a Polish composer living at the turn of the XVI and XVII century. In his creativity we can see influences of Italian church music. He was the first Polish composer who used cori spezzati technique developed at Venetian St. Mark's Cathedral by G. Gabrieli during the XVI century. His church compositions were published in Venice in 1611, wich consist of two parts: I Ofertoria totius anni, II Comuniones totius anni.
Influences of Italian church music are also visible in G.G. Gorczycki’s (ab. 1665-1734) creativity. He created under the influence of Rome’s school, using different composer’s techniques. He especially used technique nota contra notam and sophisticated polyphony with imitation-canon’s structure.
Remigiusz Pospiech (Oppeln): Die Neapolitanische Schule und ihre Werke im Kloster Jasna Góra in Tschenstochau (Czestochowa)
Unter dem Begriff Neapolitanischen Schule verstehen wir allgemein mehrere Generationen von Komponisten, die in der 2. Hälfte des 17. und im 18. Jahrhunderts in Neapel tätig waren. Die größten ihrer Erfolge sind mit der Oper verbunden, dennoch spielten sie in der geistlichen Musik ebenfalls eine wichtige Rolle. Den Einfluss des neapolitanischen Stils finden wir bei den Komponisten des späten Barocks und des Klassizismus sowohl in katholischen als auch evangelischen Kreisen. Dies belegen die Musikbestände aus dem Archiv der Pauliner Patres im Kloster Jasna Góra (Heller Berg).
Neben der religiösen und seelsorglichen Bedeutung, bildete der Helle Berg Jahrhunderte lang ein aktives kulturelles Zentrum. Im Kloster der Pauliner ertönte immer eine in seiner stilistischen Vielfalt kunstvolle und in seiner Form reich ausgeprägte Musik. Diese Tatsache belegen eindrucksvoll die aufbewahrten Archivalien, welche über ein paar Jahrhunderte gesammelt wurden. Es sind über 2000 Handschriften sowie über 300 Drucke vorhanden, was insgesamt um die 3000 Kompositionen ergibt. Demnach enthält das Archiv von Jasna Góra Polens größte Musikaliensammlung und ist gleichzeitig eines der umfangreichsten in Europa. Ihr besonderer Wert liegt vor allem darin, dass sie nicht nur Werke der Klosterkomponisten enthält, sondern auch viele Musikwerke von anderen polnischen sowie ausländischen Tonkünstlern bewahrt. Von den letztgenannten bilden die Vertreter der Neapolitanischen Schule eine bedeutende Gruppe, die ihren Kompositionsstil in Polen bekannt gemacht hat. Zu nennen sind hier vor allem: Pasquale Anfossi, Baltasare Galuppi, Niccolo Jomelli, Giovanni Paisiello, Niccolo Piccini und Tomasso Traetta. Neben ihnen gibt es im Musikarchiv des Klosters Jasna Góra auch Musikwerke der weniger bekannt gewordenen italienischen Meister und der populären Vertreter des neapolitanischen Stils aus anderen Ländern wie dies z.B. Johann Adolf Hesse oder Giuseppe Bonno sind. In diesem Stil hat auch seine Werke der berühmteste und bedeutendste Klosterkomponist der Musikkapelle von Jasna Góra - Marcin Józef Żebrowski (Mitte des 18. Jahrhunderts) geschrieben.
Peter Tarlinski (Oppeln): Rezeption von G.P. da Palestrina in Schlesien in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Bestandsaufnahme
Die Bewegung zur Erneuerung der Kirchenmusik im 19. Jahrhundert hat das musikalische Ideal für die feierlichen Gottesdienste im gregorianischen Choral und der Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts gesehen. Zur Leitfigur der Erneuerung wurde G.P. da Palestrina erhoben. Der aus Schlesien stammende Arzt und Geistliche Karl Proske hat in Regensburg Mitte des 19. Jahrhunderts Palestrina ein musikalisches Denkmal gesetzt, indem er seine Werke publiziert hat. Welche Aufmerksamkeit gewann der berühmteste Komponist der Römischen Schule in Schlesien? Wie wurde er von den Vertretern des kirchlichen Musiklebens in Schlesien eingeschätzt? Welche Bedeutung hatten seine Kompositionen für die liturgischen Zeremonien am Dom zu Breslau und in anderen Teilen des schlesischen Landes? Eine wissenschaftliche Bearbeitung dieser Fragen steht noch an. Daher bildet diese Ausführung eine Bestandsaufnahme der bereits vorliegenden Angaben. Sie möge zugleich als eine Anregung für weitere Untersuchungen zur Rezeption der italienischen Kirchenmusik in Schlesien dienen.
Luba Kyyanowska (Lemberg): Der Weg der italienischen Kirchenmusik nach Osten. Von Italien über Bortnianski nach Galizien
Ukrainische professionelle geistliche Musik entwickelte sich unter dem Einfluß italienischer Musik erst im XVIII Jahrhundert. Früher herrschten hier vorzugsweise byzantinische Kanonen des Kirchengesanges, welche auf den nationalen Grund übertragen wurden und mit den heimischen Volkstraditionen zusammengewirkt sind. Als wichtigste Gattung, welche von den neuen westeuropäischen, vor allem italienischen Orientieren in der ukrainischen Kirchenmusik zeugte, betrachtet man ein sog. geistliches Konzert. Seine bemerkenswerten Autoren, vor allem Dmytro Bortnianis´kyj (1751-1825) und Maxym Berezows´kyj (1745-1777), studierten in Italien (Berezows´kyj bei Padre Martini in Bologna (1769-1774), Bortnians´kyj bei Baltasare Galuppi in Venedig (1769-1779), deswegen transformierten italienische Traditionen der geistlichen Musik auf individuelle Weise und schufen den Grund für die weitere Evolution ukrainischer Kirchenmusik und weltlicher Gattungen.
Olga Popowicz (Rzeszow): Einflüsse der italienischen Kirchenmusik auf das Schaffen der »peremyschlischen Schule«
Die Peremyschlische Schule formierte sich in Galizien (in der Stadt Peremyschl) im ersten Drittel des XIX Jahrhunderts und wurde hauptsächlich durch die Werke von Mychajlo Werbyts´kyj (1815 – 1870), Iwan Lawriws´kyj (1822 – 1873) und Werbyts´kys Schüler Wiktor Matjuk (1852 – 1912) repräsentiert. Weil alle Vertreter dieser Schule zum griechisch-katholischen Priestertum gehörten, besaßen die Kirchengattungen eine bedeutende Stelle in ihrem Schaffen. Italienische Einflüsse sind in ihrem Schaffen auf drei Weisen durchgedrungen: über manche Positionen des Repertoires der Chorkapelle am peremyschlischen griechisch-katholischen Dom; über unmittelbare Bekanntschaft mit den italienischen Opern und Liedern, welche im galizischen Zentrum Lemberg (Lviv) ständig aufgeführt sind; endlich, über die Kirchenmusik von Dmytro Bortnians´kyj, welche als wichtigste Quelle fast aller nachfolgenden ukrainischen Kirchenopera dienten.
Franz Metz (München): Torcellans Missa Sancti Gerardi (1901). Die kirchenmusikalischen Beziehungen zwischen dem Banat und Italien
Die Gründung der Banater (Tschanader) Diözese durch den aus Venedig stammenden Benediktiner Gerard von Sagredo im Jahre 1030 kamen die ersten italienischen Einflüsse auch im Bereich der Kirchenmusik in diesen südosteuropäischen Raum. Durch die von ihm gegründete Schule von Morisena gelangten Gelehrte ins Banat, die der Kirchenmusik im damaligen Ungarn einen großen Aufschwung verliehen.
Auch nach dem Sieg gegen die Osmanen (1716) blühten die Beziehungen zu Italien wieder auf: Josef (Giuseppe) Gebler komponierte 1835 in Pizzighettone sein Quintett, dem Gouverneur Graf Coroni wurde eine Serenade gwidmet und der Temeswarer Domkapellmeister Desiderius Jarosy widmete Perosi in Temeswar mehrere Konzerte und Vorträge. Torcellan komponierte um 1901 eine Messe zu Ehren des hl. Gerhard anlässlich des Besuches des Temeswarer Bischofs Alexander von Dessewffy in Venedig.
Die kirchenmusikalischen Beziehungen zwischen dem Banat und Italien haben seit der Wende von 1989 eine neue Entwicklung erfahren: durch den Einfluss zahlreicher italienischer Geschäftsleute und deren Niederlassungen im Banat - besonders in Temeswar (genannt auch »Little Italy«) werden nun historische Orgeln renoviert und die Charakteristiken aktueller italienischer Kirchenmusik sind auch in Kirchen dieser Region zu beobachten.
Helmut Loos (Leipzig): Italienische Kirchenmusik im 19. Jahrhundert in Leipzig
Ein Zentrum der Bewegung für die alte Musik war Leipzig nicht. Bei der Ausbildung einer spezifisch bürgerlichen Musikkultur gingen wesentliche Impulse von Leipzig aus, Gewandhausorchester und Musikverleger hatten großen Anteil an der Durchsetzung des Kanons emphatischer Kunstmusik mit Beethoven an der Spitze, der nicht nur das deutsche Musikleben in der Folgezeit bestimmt hat. Alte Musik kam nach kleineren Anfängen erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts stärker zum Zuge, dabei war die italienische Kirchenmusik ein wesentlicher Bereich eines historischen Kurses, der aus Gründen der Bildung mit entsprechender theoretischer Kommentierung in das Musikleben eingebracht wurde. Carl Riedel mit seinem Gesangverein war einer der Protagonisten dieser Bewegung, die völlig losgelöst von den ursprünglichen Wurzeln die Kirchenmusik als historische Zeugnisse einer teleologisch ausgerichteten Musikentwicklung rezipierte.






